PLAN B: Gretchen in der Kneipe

Plan B als Alternative zur herkömmlichen Theaterbühne ist hier im doppelten Wortsinne gemeint. Es meint erstens die Möglichkeit, unser Stück an theaterunüblichen Orten einem theaterunüblichem Publikum zu präsentieren und zweitens den Namen der Kneipe, in der ein erstes derartiges Experiment stattfindet. Wir sind nach Norderstedt gepilgert, wo mein Kollege sein Feierabendbierchen zu trinken pflegt. Und zwar in jener Bar, die sich PLAN B nennt. Angekündigt sind wir über Plakate, Facebook und Mundpropaganda. Theater hat es an diesem Ort bislang nur in Form skuriler Gäste oder alkoholbedingter Zwischenfälle gegeben. Ausserdem pflegen die meisten Gäste erst nach 23 Uhr zu erscheinen. Deshalb ist fraglich, ob überhaupt jemand an dem Spektakel teilnimmt. Zur angekündigten Uhrzeit sitzen drei Gäste an der Theke. Einer mehr als Schauspieler auf der Bühne, was nach alter Theaterregel zur Folge hat, dass gespielt werden “muß”. Wir beschliessen dennoch, eine mögliche Erweiterung des Zuschauerkreises abzuwarten. Der Chef startet sogar noch eine persönliche Telefonaquise. Und so haben sich eine Dreiviertelstunde später etwa ein Dutzend Gäste im PLAN B versammelt, die unserer Vorstellung zunächst verhalten, dann gackernd und grölend folgen.
“Ich bin Ingenieur, ich gehe nie ins Theater”, sagt hinterher einer der Gäste zu mir und gibt mir ein Bier aus, “Gottseidank habe ich vorher nicht gewußt, was hier stattfindet, sonst wäre ich zu Hause geblieben. Ich hätte nicht gedacht, dass man im Theater so viel lachen kann”. Nun, manchmal muß es Plan B sein.

Gästebuch

 

EAT.PLAY.LOVE. vor der Spielstätte, v.l. Sven Menningmann, Esther Barth, Markus Sellmann

Bühnenbild, PLAN B (mit Stabile-Plakat von der Demo)

Mit Herz und Opera: Die stabile den Freien

Die Opera stabile ist eine Art Experimentierbühne der Hamburger Staatsoper. Jedenfalls soll sie das sein. Faktisch wird aber das wohlsubventionierte Haus derzeit wenig bespielt. Böse Zungen behaupten sogar, der experimentelle Charakter der wenigen Werke, die aktuell dort zu sehen sind, sei nicht einmal besonders ausgeprägt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Ich selbst habe nur eine einzige Oper in der stabile gesehen, Nina Kupczyks Interpretation des “Kaisers von Atlantis”, welche für meinen Geschmack durchaus experimentierfreudig ausgefallen ist und mich (nicht allein deshalb) zu begeistern vermochte. So oder so ist aber zumindest die Quantität der Vorstellungen ausbaufähig. Deswegen ruft die Initiative “freie Opera stabile” dazu auf, diese Bühne für freie Künstler zu öffnen, damit diese ihre Projekte dort präsentieren können. Unsere Kultursenatorin und Künstlerin der Worte, Barbara Kisseler, will, dass freie Kunst in Hamburg Raum hat und gesehen wird. Den Austausch zwischen institutionalisierten und freien Kunstschaffenden halten Kulturpolitiker ohnedies für eine erstrebenswerte Angelegenheit. Der finanzielle Spielraum, ihn zu ermöglichen, ist da allerdings angesichts der kostenträchtigen Elbphilharmonie beklagenswert gering. Und so könnte solch ein Ort der künstlerischen Vielfalt in der stabile entstehen, wenn die Freien die Lücken füllen, welche der aktuelle Spielplan zweifelsohne hergibt.
Am Donnerstag, den 10. Mai soll die kleine Schwester der Staatsoper symbolisch reanimiert werden. EAT.PLAY.LOVE. findet die Idee einer Wiederbelebung durch die freie Kunst super und beteiligt sich als ehrenamtliches Pflegepersonal. Wie gut, dass mein Kollege und Gretchen-Regisseur eine Vergangenheit als Krankenpfleger zu beklagen hat und durch sportlichen Ehrgeiz wieder in die alte Pflegerhose passt. Ich selbst verfüge dank eines Spaßgeschenks meiner Freundinnen über ein Schwester-Esther-Outfit. Das Grüppchen der Demonstranten ist überschaubar. Aber die Herzdruckmassage mit zwei Bügeleisen hat zumindest die Herzen der Abendblatt-Kulturjournalisten höher schlagen lassen. Wir bekommen zwei Artikel in der Freitagsausgabe. Und ich das Covershooting für die Facebookpräsenz der Initiative. Eines der Protestplakate darf ich mitnehmen. Es wird künftig das Bühnenbild von Gretchen 89ff bereichern. Welche Erfolge der Einsatz der freien Notärzte noch so hat, bleibt offen. Im Moment ist der Zustand der Patientin nach wie vor verschlossen, aber immerhin stabil.

Freies Pflegepersonal im Einsatz für das Herz der Kulturinstitutionen

Schwester Esther auf der Intensivstation

Gretchen im Hinterhof

Buxtehude hat eine der niedlichsten Bühnen, die ich kenne: Das Theater im Hinterhof. Dieses Theater befindet sich sowas von im Hinterhof. Deshalb erkennt man den Erstbesucher daran, dass er am Eingang zum Theaterhof vorbeizustolpern pflegt. Die Buxtehuder aber kennen und lieben diese Bühne, was wir schon bei der Werbung gemerkt haben. Woimmer wir in der Altstadt angeklopft haben, um Plakate zu hängen, wurden wir mit einem freundlichen “Ach, das Theater im Hinterhof” begrüßt und durften in den meisten Läden auch einen unserer Werbeträger in die Schausfensterscheibe kleben. Als wir am Samstag zum Spielen anrücken, erwarten uns ein extrem liebevoll zubereitetes Catering und die nettesten Theaterbetreiber ever. Man spürt diesem Haus an, dass es ein Familienbetrieb ist. Erwähnenswert ist, dass sich auf zehn Quadratmetern Fläche geschätzt je zwei Tasteninstrumente befinden. Eigentlich schade, dass ich nur den Flohwalzer kann. Neben dem im Theaterraum befindlichen Flügel zähle ich in den Nebenräumen mindestens vier weitere, artverwandte Instrumente. Kurz vor Beginn der Vorstellung fällt dann kurzzeitig die komplette Lichttechnik aus und es steht zu befürchten, dass wir Gretchen als Hörspiel darbieten. Am Ende wird dann aber nicht nur unser Auftritt, sondern wider Erwarten sogar das Publikum beleuchtet. Aber gottseidank spielen wir ja Gretchen. Und da ist unvorhergesehene Erleuchtung der Inszenierungsbotschaft ja nur zuträglich. Oder?
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Zur Kritik

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Wir werden immer ärmer, jeden Tag ein Stück

Ich bin GRIPS-Gängerin der ersten Stunde. Nunja, nicht ganz, denn als das GRIPS Theater vor vierzig Jahren seine erste Spielstätte am Kurfürstendamm bezog, gab's mich noch nicht. Und auch den Hansaplatz habe ich erst in den Achzigern das erste Mal persönlich aufgesucht. Aber zu meinen prägendsten Kindheitserinnerungen gehört neben den obligatorischen friedensbewegten Fredrik-Vahle-Platten und Papas Liedermachersammlung (meine Eltern fühlten sich seinerzeit kommunistischen Ideen zugetan) eine Schallplattenversion von "Mensch Mädchen", welche bereits in den 70er Jahren unseren Haushalt bereichert hat. Seither weiß ich, dass Mädchen die besten Raketen bauen. Der junge Heinz Hoenig als Bruno ist in der Geschichte an der Aufgabe gescheitert, während Ulrike, Gabi und Sabine unter den besorgten Blicken ihrer Eltern die Raumfahrttechnik für sich entdeckt haben. Später hatte ich noch Balle, Malle, Hupe und noch später sahen wir während einer Klassenreise in die Hauptstadt "Eine linke Geschichte" mit Ilona Schulz als Mamas Alter Ego – eine ersprießlich selbstironische Geschichte über studentenbewegte Menschen, die am Ende doch Spießer werden. Die linke Geschichte wird immernoch gespielt, wobei die letzte Szene jeweils dem aktuellen Jahr angepasst wird. In meinen frühen Erwachsenenjahren, die ich in Berlin verbrachte, sah ich das Stück traditionell einmal im Jahr. Genauso wie Linie 1, dessen Uraufführung übrigens an meinem zehnten Geburtstag, kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl stattfand. Heute kann ich die Wilmersdorfer Witwen auswendig schmettern und mein Sohn ist Schlagzeugeleve bei einem Grips'schen Musiker.
Ich selbst hatte leider nie das Vergnügen, dem Ensemble anzugehören, obwohl ich mir bei den Bewerbungsanschreiben für dieses Haus immer mehr Mühe gab als üblich. Vielleicht liegt es ja daran, dass der zum Inventar gehörende Dietrich Lehmann mein Vorsprechen an seiner Schauspielschule annodazumal katastrophal fand und ich mich dummerweise unter meinem richtigen Namen beworben hatte. Allein schon ob der nie aufgegebenen Hoffnung, dieses traumatische Ereignis mit einem irgendwie brillianten Überraschungsauftritt auf den Grips'schen Brettern, so Susan-Boyle-artig, wieder gut zu machen (das wäre dann auch gleich eine verfilmungsreife Vorlage für ein autobiographisches Melodrama mit Happy End) muß das GRIPS Theater überleben.
Abgesehen von dererlei persönlichen Interessen erinnere ich Herrn Wowereit, falls er mitliest, daran, dass die Hauptstadt schließlich sexy bleiben soll. Wenn Sie das GRIPS Theater verhungern lassen, werter Herr Bürgermeister, ist Berlin nur noch "arm, aber". Und wir wollen doch nicht, dass der in die Jahre gekommene Heinz Hoenig in einer Reprise von "Mensch Mädchen" anlässlich der Schliessung des Hauses von der Bühne tönt: "Wir werden immer ärmer, jeden Tag ein Stück …"
Also, mehr Kohle, mehr Grips! Wer dafür ist, hebe die Mouse und klicke hier.

Ein Theater. Mein Theater.

Ich bin seit fünf Jahren am Theater Sehnsucht. In diesem Ensemble habe ich damals in Hamburg angefangen, als verfressener Engel in Wilder Panther, Keks. Es waren turbulente Jahre. Das Theater hatte gerade einen Ensemblewechsel hinter sich und stand vor der Frage, in welche Richtung es sich entwickeln will. Bis dato war das Projekt als reines Suchtpräventionstheater angelegt, als One-Men-Unternehmen des Regisseurs Fred Buchalski, der aufgrund seiner eigenen Suchtkrankheit die Mission der Suchtprävention im Auge hatte. Der Kampf um kommerzielle Vermarktung und entsprechende Strategien, ohne dabei das soziale Ziel Freds aus den Augen zu verlieren, die Verquickung von künstlerischen und administrativen Aufgaben, der Probenprozess selbst und manchmal auch Uneinigkeit über den Fokus unseres Schaffens und kleine Egokämpchen nicht ganz uneitler Künstlerpersönlichkeiten, wie wir es alle sind, hat dieses Ensemble immer wieder an Punkte gebracht, wo fast jemand ausgestiegen ist. Auf der administrativen Seite sind auch diverse Menschen ausgestiegen und neue gekommen. Aber das künstlerische Ensemble, Gosta Liptow, Thomas Fitschen, Alexx Grimm, Sonja Ried, Sophie Turbanski, die Musikerin Kinga Heymann, Fred Buchalski selbst, ach ja, et moi, arbeiten bis heute zusammen. Inzwischen in wechselnder Besetzung in vier unterschiedlichen Produktionen und an der Seite von weiteren, neu hinzugekommenen Schauspielern. Wie wichtig mir dieses Theater ist, wurde mir gestern bewußt, als “Korzcak und die Kinder” in der Jugendkirche Flottbek Quasi-Premiere hatte. Eine Premiere war es nur für mich, denn die Kollegen hatten das Stück schon mit Kerstin Otto zusammen gespielt, deren Rollen ich übernahm. Ich hatte für diesen Auftritt fünf Probentage und eigentlich kaum Zeit, mich in die Hintergründe dieses sehr ernsten, sehr traurigen und sehr umfassenden Themas hinreichend einzuarbeiten. Das Stück erzählt, in überwiegend berichtender Form, die Geschichte eines jüdischen Kinderarztes, der seine Waisenkinder freiwillig in die Gaskammer vonTreblinka begleitet, weil er sie nicht vor dem Tod zu bewahren vermag. Dass es mir dennoch gelungen ist, meine Rollen – eine deutsche Offiziersfrau, eine jüdische Krankenschwester, die Mutter des Offiziers und die “moderierende” Schauspielerin – zu leben, verdanke ich einem über viele Jahre gewachsenen Ensemble. Kollegen, die mir und meinem Spiel so viel Vertrauen entgegen gebracht haben, wie ich es selten erlebt habe, und mit denen sich das Zusammenspiel sicher und vertraut anfühlt, so dass ich mich in jeder Minute des Spielens der Geschichte und der Situation hingeben konnte. Es ist für einen Künstler unendlich wertvoll zu erfahren, dass die eigene Arbeit gewertschätzt und verstanden wird. Diese Erfahrung durfte ich gestern machen. Danke Fred! Danke Kollegen! Ich bin froh, dass ich am Theater Sehnsucht geblieben bin.

Übrigens hatten wir nach der gestrigen Vorstellung die Gelegenheit, Peggy Parnass kennenzulernen. Eine clevere Frau, die über hinreichend Selbstbewußtsein und rhetorische Kompetenz verfügt, um Toleranz nicht mit Gutmenschlichkeit zu verwechseln und den Kampf gegen rechts nicht mit Betroffenheitsgesäusel. Von allen Diskutant/innen hat sie wahrscheinlich am allerbesten verstanden, was friedliche Koexistenz sein könnte. Peggy hat ja nach eigener Aussage keinen Internetzugang. Aber vielleicht kann es ihr jemand vorlesen: War cool, Dich kennengelernt zu haben, ich habe Dir gerne zugehört.

The Show must go on

Noch völlig benommen von den vier Gretchen-Vorstellungen, die allesamt in der Kneipe und nicht unter vier alkoholischen Getränken und mindestens ebenso vielen Zigaretten und nie vor drei Uhr in der Nacht endeten, fahre ich am 5. März um 8 Uhr früh nach Witten. Vorangegangen war ausserdem eine Dinnerkrimivorstellung in Husum. Entsprechend unausgeschlafen trete ich an und reagiere mit schlechter Laune als meine ambitionierten Kollegen sich anschicken, auf der Bahnfahrt, die ich für das Aufholen meines Schlafdefizits eingeplant hatte, den Text von "Wilder Panther, Keks" durchzusprechen. Zu meiner Verteidigung sei erwähnt. dass Texthänger bei mir ein geringeres Problem darstellen als Kräftemangel. Mit 70minütiger Verspätung erreichen wir Dortmund, wo wir in eine Regionalbahn umsteigen. Mittlerweile bin auch ich aufgedreht genug, um den letzten Teil der Bahnfahrt zu einer munteren Stand-up-Darbietung für die Schaffnerin und die restlichen Fahrgäste zu machen. Aufgrund der Verspätung nutzen wir die letzten Stationen für die musikalische Probe und trällern den Max-Drögel-Song, den die Pianistin in Ermangelung eines Klaviers vokal begleitet. Und dann geht es im Schweinsgalopp zur Spielstätte, dem Martmöller-Gymnasium. Die Bedingungen der dortigen Aula sind, wie soll ich sagen, speziell. Das Ding ist rundum offen und es herrscht während des gesamten Spiels reger Betrieb auf der von der Bühne einsichtigen Empore, wo sich die Klassenräume befinden, in denen zum gleichen Zeitpunkt Unterricht beginnt, stattfindet oder endet. Die Akkustik ist gewöhnungsbedürftig mit ordentlich Hall. So mutet es wie ein Wunder an, dass diese Vorstellung eine wirklich gute wird und unser junges Publikum konzentriert folgt und uns mit einem Hammerapplaus belohnt. Super ist ausserdem das Catering. Und natürlich, dass sie unseren Oberengeldarsteller nicht gleich verhaften, als er von seinen Erfahrungen mit dem Genuß von Joints berichtet. Eine Maßregelung kann sich der anwesende Polizeibeamte dennoch nicht verkneifen – und so sind die Wittener Eleven jetzt auf dem Laufenden, was die Strafbarkeit von Cannabisbesitz anbelangt. Puh.
Wir erreichen Hamburg Hauptbahnhof um 21.12 Uhr, diemal pünktlich, aber völlig erledigt und mit dem üppigen Catering des ausgesprochen sympathischen Teams des Martmöller-Gymnasiums in den Bäuchen. Als ich nach Hause komme, wird mir per Mail mitgeteilt, dass es bereits Presse gibt. Wahnsinn! Und jetzt brauche ich Urlaub. Bis zum 7. März. To be continued.

Premiere. Ach, wir Armen.

Es ist der neunundzwanzigste Februar. Der Guru meiner ehemaligen Schauspielschule hat mal wieder Geburtstag. Im Radio erfahre ich, dass heute Tag der seltenen Erkrankungen ist. Und im monsun theater Hamburg-Altona versuche ich mit den Kollegen Sellmann und Menningmann, aus einem unübersichtlichen Haufen Klamotten und Kleinkram ein funktionierendes Bühnenbild herzustellen. Es gilt später, in Sekundenschnelle die jeweils richtigen Haarteile, Kopfbedeckungen, Schmuckstücke und Bekleidungsteile für die nächste Szene griffbereit zu haben, so dass der Kollege nicht verhungert, wenn er den folgenden Auftritt anmoderiert. Eine Herausforderung die ich so in den letzten zehn Jahren noch nicht zu bewältigen hatte.
Mein Lieblingsgast wird heute Abend nicht erscheinen. Mein Zweitlieblingsgast wahrscheinlich auch nicht (ganz bestimmt nicht, wie sich später herausstellt). Diese Tatsache stimmt mich ein wenig traurig, wie es sich eigentlich für eine Premiere nicht gehört. Dann ist Einlass und die Gedanken rund um mögliche mir persönlich bekannte Besucher haben Pause. Bis zur dritten Szene läuft alles nach Plan. Dann folgt mein Angstumzug, der darin besteht, mir ein Haarteil, eine 20er-Jahre-Kopfbedeckung und eine Sonnenbrille zu verpassen, mich komplett umzukleiden, einen Pelz überzuwerfen und so ausgestattet einmal rund um den Zuschauerraum zu wetzen, um von hinten wieder aufzutreten. Geschafft! Als bayernde Diva packe ich den Kampf mit dem Kostüm in die Rolle und schicke meinen Kollegen mit dem herausfallenden Haarteil in die Maske, während ich denke "jede Probe habe ich es geahnt …". Am Ende stellt sich heraus, dass der Haarteilverlust als Teil der Inszenierung wahrgenommen wurde, und so war mein Frust über die Panne überflüssig. Und das schönste Kompliment des Abends kam von einer geschätzten und mir als überaus kritische Theatergängerin bekannten Kollegin, die hinterher sagte "Ihr habt mir den Glauben ans Theater wieder gegeben". Vor diesem Hintergrund kann ich auch verkraften, dass der GODOT den Tiefgang in der Inszenierung vermisste. Ach, wir Armen … Und ab.

liebe(s) Wohnzimmer

Im Oktober letzten Jahres habe ich Kati Baumgarten kennengelernt. Sie hat mich nach Berlin begleitet, und zwar in ihrer Funktion als Mitfahrerin. Sie wissen schon, diese Menschen, die man im Internet aufreisst, um Benzinkosten zu sparen. Wenn zwei Kulturschaffende an die drei Stunden Fahrtzeit miteinander überbrücken müssen, kann es passieren, dass man ins Plaudern gerät … und, wie soll ich sagen, Kati Baumgarten ist Kulturschaffende. So kam es, dass mir auf jener Fahrt von der Wohnzimmerliebe berichtet wurde, die sich damals noch in der Planungsphase befand. Die Wohnzimmerliebe ist eine neue Veranstaltungsreihe in Hamburg, deren Prinzip Kulturveranstaltungen in privaten Räumen sind. Ein bißchen das Gegenstück zur Kunst im öffentlichen Raum, denn hier ist der Raum ja ganz und gar privat, ein Wohnzimmer halt, und die Öffentlichkeit wird dadurch hergestellt, dass die jeweilige Veranstaltung über verschiedene Medien publiziert wird. Die Gäste melden sich über das Internet an und bekommen dann vertraulich die jeweilige Veranstaltungsadresse mitgeteilt. Es gibt Wein und Brot, fünfundzwanzig Klappstühle, wechselnde Künstler mit unterschiedlichen Programmen und – anders als im anonymen Rahmen kommerzieller Veranstaltungen – sowas wie ein familiäres Miteinander vor und vor allem nach der künstlerischen Darbietung. Das Setting ist nicht in dem Sinne privat, denn auch wenn die Veranstalter bei der Suche nach Räumen und Künstlern auch auf ihr persönliches Netzwerk zurückgreifen, sitzen im Publikum Menschen, die nicht als Freunde gekommen sind, sondern als Gäste eines kulturellen Events.

Gestern war mein Ensemble selbst Gast dieser Veranstaltung. Wir haben eine Art Gretchen-Preview auf drei Quadratmetern Spielfläche gezeigt. Das Zimmer selbst war zwar größer, aber weil unser Publikum im Nebenzimmer sitzend durch die geöffnete Verbindungstür luscherte, befand man sich in weiten Teilen des Spielzimmers im Off. Wir hatten also die Wahl zwischen Hörspiel und Minimalstbühne und entschieden uns für einen Kompromiss. Hörspielmäßig abgetaucht ist aber vorwiegend der Kollege Riedel, der als "Streicher" so sehr mit der Strichfassung des Oeuvres beschäftigt ist, dass er sich ins Off verrennt … Leider habe ich den Vorschlag meines Regisseurs, also des echten Regisseurs, abgelehnt, unmittelbar vor Beginn nochmal einen Durchlauf zu spielen. In dem Moment dachte ich, nö, am Ende wird der noch gut und keiner hat's gesehen. Aber recht hatte er, der Menningmann, hätten wir mal machen sollen. Leider konnte ich mich von der spürbar wohlwollenden Haltung unseres Publikums und dem hörbaren Spaß nicht so gut tragen lassen, wie ich dachte. Ich habe ohne Vertrauen gespielt, weit unter meinen Möglichkeiten.
Notiz an mich: Gelegentlich ist es sinnvoll, auf den Regisseur zu hören.

Die Reaktionen waren trotzdem begeistert, das Après-jeux unterhaltsam, der Hut voll, das Spielerlebnis witzig.
Das Abendblatt war da.

Barmbek – Wenn das Wohnzimmer zur Bühne wird – Hamburg – Hamburger Abendblatt.pdf
Kati, wir danken Dir!

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Augen auf bei der Berufswahl

Eine sozio-ökonomische Studie belegt jetzt endlich, was wir schon immer geahnt haben: Künstler sind die glücklichsten aller Berufstätigen. Jedenfalls in Deutschland. Sie verdienen zwar durchschnittlich weniger als andere Erwerbstätige, was aber nichts macht. Weil, so resumiert einer der Autoren: “„Ein gutes Einkommen ist ihnen auch nur halb so wichtig wie anderen Beschäftigten. (…)Im Gegensatz zu anderen Berufstätigen sind Künstler umso glücklicher mit ihrer Arbeit, je mehr Stunden sie wöchentlich arbeiten“. Gut zu wissen. Hätten Kinski und Fassbinder mehr gedreht, hätten sie sich den ganzen manisch-depressiven Unsinn bestimmt sparen können. Ich jedenfalls werde beim nächsten Liebeskummer einfach bei einem No-Budget-Projekt mitarbeiten.

Ein Kollege von mir kommentiert die Sache übrigens wie folgt:
Kommt ein Künstler zum Arzt, sagt der Arzt: “Sie haben nur noch 2 Wochen zu leben.” Sagt der Künstler: “Wovon denn?!”
Und mit was? Mit Recht!

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