Schreckensdroge, Selbstversklavung, Leben in Dreck und Krankheit, teuflische Besessenheit
Noch nie sind mir Anhänger von Allen Carr so auf den Wecker gegangen wie in den letzten drei Monaten.
Im Gegensatz zu zahlreichen Ex-Rauchern, für die Carr sogar Gott weitgehend überflüssig gemacht hat, bin ich nicht mit, sondern trotz Allen Carr “Endlich Nichtraucher” geworden.
Zudem bin ich übrigens Nichtmercedesfahrerin, Nichtfallschirmspringerin und Nichtrosinenesserin - für nichts davon wurde ich allerdings je gelobt.
Die gute Nachricht ist: Ich habe in meinem ganzen Leben für nichts so viel Beifall geerntet, wie für die Mitteilung, dass ich das Rauchen eingestellt habe. Wahrscheinlich könnte nicht einmal ein Engagement in Hollywood die Begeisterung meiner Mitmenschen noch toppen. Die schlechte Nachricht ist, dass ich das eigentlich ziemlich deprimierend finde. Irgendwie ist es schon schöner, für etwas gelobt zu werden, das man tut und nicht für etwas, das man unterlässt. Realistisch betrachtet trüge übrigens das Einstellen des Autofahrens wahrscheinlich mehr zum Allgemeinwohl bei als mein neues Dasein als Nichtraucherin. Und obwohl alle Welt es großartig findet, dass ich - aktuell - nicht mehr rauche, fühle ich mich weder frei noch geläutert im Gegensatz zu vorher. Die Gewissheit, dem sehr frühzeitigen Ableben durch nikotinbedingte Spätschäden zumindest ein bißchen entgegenzuwirken, ist zwar ganz schön, allerdings ist dies bislang ein eher theoretischer und wenig gefühlter Gewinn. Gefühlt ist am eindrucksvollsten vielleicht die Erfahrung, dass ich durchaus ohne Zigaretten klar komme, was ja nach so vielen Jahren und so vielen Vorträgen über Belohnungszentren, Suchtlogiken und Indoktrinierung durch die Tabakindustrie nicht gerade selbstverständlich erschien.
Gewiss, wem die Zigarette mit nur geringfügigen Unterbrechungen 15 Jahre lang ein mehr oder weniger täglicher Begleiter war, der nimmt plötzliche Totalabstinenz als durchaus einschneidende Veränderung wahr. Und so beschäftigt man sich dann als “Aufhörer” mit Theorien und Erfahrungen rund um den Tabakkonsum und dessen Unterlassen in recht umfangreicher Art und Weise. Ehrlich gesagt vermisse ich den Vorgang bis heute ein wenig und kann entgegen der Prognose der Suchtzetrumsager nicht von mir behaupten, dem Nikotingenuß generell anders gegenüber zu stehen als zu Raucherzeiten. Habe ich da eben Genuß gesagt? Verzeihung, das kann ja gar nicht … ich meine, Zigaretten als solche können ja gar nicht genossen werden. Vermutlich sind das die Nachbeben der Gehirnwäsche, der mich (und die anderen 20 Millionen Raucher im Lande) die böse Tabakindustrie unterzog. Denen ist mutmaßlich auch der Eindruck geschuldet, dass die Begründungen für die Unmöglichkeit des Genusses von Zigaretten sich bei Allen Carr ein wenig im Widerspruch zueinander befinden. Ziemlich am Anfang des Oeuvres teilt der Autor mit, dass er zwar gerne Hummer möge, aber keineswegs über 20 Hummer am Tag verspeisen müsse, um diesen hinreichend geniessen zu können. Wenig später taucht jedoch im Zusammenhang mit Genußrauchern die Frage auf, weswegen diese denn nur fünf und nicht mehr Zigaretten täglich rauchten, wenn das Rauchen doch solch ein Genuß für sie wäre. Der Autor scheint sich demnach uneins mit sich selbst zu sein, ob Genuß sich nun durch “weniger” oder durch “mehr” auszeichnet.
Fest steht: Seit der Lektüre von “Endlich Nichtraucher” bin ich restlos davon überzeugt, dass es unmöglich ist, Oliven zu geniessen. Oder hat Ihnen etwa die erste Olive, die Sie je aßen, geschmeckt?